Befreiung, Niederlage oder was?

Heute vor 75 Jahren endete in Mitteleuropa der zweite Weltkrieg – ein Inferno, das Millionen Menschen das Leben kostete, das unvorstellbares Leid über die Länder des gesamten Kontinents und weite Teile Asiens und Nordafrikas brachte. Ausgelöst wurde dieser durch das nationalsozialistische Deutschland, das den Wind säte und letztlich den Sturm erntete.
Am Morgen des 7. Mai unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl auf Geheiß des amtierenden Staatschefs Admiral Dönitz im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte in Reims „die bedingungslose Kapitulation Deutschlands“ zum 8. Mai, 23 Uhr. Genau unter dieser Bezeichnung beging man bis 1985 diesen Tag in der alten BRD, bis Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 den Begriff „Tag der Befreiung“ auch in den westdeutschen Sprachgebrauch einführte. Doch für viele Deutsche war der Begriff eher gewöhnungsbedürftig. Im Osten hatte der „Tag der Befreiung“ eine längere Tradition, die in der von der SED-Führung und den russischen „Brüdern“ gewünschten antifaschistischen Orientierung der Gesellschaft begründet liegt.
Eine große Befreiung war der Tag ohne jede Frage für die zahllosen Gefangenen des Nazi-Regimes in den Konzentrations- und Todeslagern und den tausenden Zwangsarbeitern. Eine Befreiung war es vordergründig auch für den Großteil der gebeutelten Zivilbevölkerung, die in Angst vor Zerstörung und Tod durch alliierte Bomben erstarrt waren.
Dennoch ist in Ost wie West vielen Menschen der Tag doch eher als Schicksalstag eines geplatzten ideologischen Menschenexperiments im kollektiven Gedächtnis geblieben. Denn blind waren viele dem heilandsgleichen „Führer“ Adolf Hitler ins Verderben gefolgt – ohne sich in Menschlichkeit und Empathie und vielleicht auch aus Angst heraus gegen ein totalitäres, rassistisches und judenfeindliches System aufzulehnen. Allein sechs Millionen Juden starben in den Vernichtungslagern der Nazis.
Eine halbe Million deutsche Zivilisten waren zum Zeitpunkt der Kapitulation durch alliierte Bomben getötet worden, zwölf Millionen Menschen wurden aus den deutschen Gebieten im Osten und Süden Europas vertrieben, verloren ihr Hab und Gut.
Millionen deutsche Soldaten gingen mit diesem Tag in eine langjährige Gefangenschaft – einige kehren erst bis zu einem Jahrzehnt nach der Niederlage Deutschlands in ihre Heimat zurück. Viele verloren in den Gefangenenlagern der Alliierten ihr Leben.
Und auch für viele überlebende Zivilisten war der „Tag der Befreiuung“ eher ein „Tag des Grauens“, denn auch die alliierten Armeen waren nicht weniger grausam als manch eine Wehrmachtseinheit im Krieg. Massenhafte Vergewaltigungen deutscher Frauen und Misshandlung von alten Menschen sind überliefert und werfen ein diffuses Bild auch auf die „Befreier“.

Mit dem Abstand von 75 Jahren kann man vielleicht folgende Einschätzung treffen: Der „Tag der bedingungslosen Kapitulation“ war – wie die später erfolgten Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – eine Zäsur in der deutschen, europäischen und Weltgeschichte. Es darf nie vergessen werden, wohin menschenverachtende Ideologie führen kann. Es darf nie vergessen werden, dass unglaubliche Grausamkeiten in diesem Krieg begangen wurden – von den Mitgliedern der brutalen SS, der Wehrmacht, aber eben auch von den Alliierten. Unrecht mit Unrecht zu vergelten, ist eigentlich keine Option. Dass die Menschheit – in Anbetracht der aktuellen Weltlage – wirklich gelernt habe aus dieser Zeit, darf man ohnehin in Zweifel ziehen.










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