Immer wieder sonntags…

Beinahe jedes Jahr streiten Händler untereinander, aber auch Stadtrat und Gewerbevereine darüber, wann und warum im Jahr denn die verkaufsoffenen Sonntage erfolgen sollen. Grundlage des Handelns ist dabei das Sächsische Ladenöffnungsgesetz, in dem einmal mehr deutlich wird, dass in Deutschland gern alles geregelt sein muss. Werktags dürften Geschäfte demnach zwischen 6 und 22 Uhr ihre Kunden empfangen. Ob diese Regelung sinnvoll ist, darf man bezweifeln, denn so reizen Supermärkte und Discounter je nach Gusto die gesetzlichen Zeiten aus – manchmal vermutlich ohne Hinterfragung, ob denn das eigentlich wirklich wirtschaftlich ist. Die kleinen Einzelhandelsgeschäfte können hier nicht mithalten – es entsteht so in vielen Städten ein Flickenteppich an unüberschaubaren Öffnungszeiten.

Noch diffiziler stellt sich die Regelung für verkaufsoffene Sonntage dar. Viermal pro Jahr darf eine Kommune im gesamten Gemeindegebiet einen verkaufsoffenen Sonntag ansetzen, nur zwei davon (und auch keine zwei in Folge) dürfen in der Adventszeit liegen – hat das sächsische Oberverwaltungsgericht festgelegt. Dazu kommen dann regional unabhängige verkaufsoffene Sonntage je nach Stadtgebiet. Die Krux: Jeder verkaufsoffene Sonntag muss eine schlüssige Begründung haben – ein traditioneller Markt, eine regionale Besonderheit oder ein spezielles positiv besetztes Datum soll es sein, weswegen man seine Türen sonntags öffnen darf. Das führt dann zu diversen Blüten der Händler-Phantasie – da muss schon mal ein „Internationaler Tag der Umwelt“ für einen regionalen verkaufsoffenen Sonntag herhalten. Anderes Beispiel: Seit mehreren Jahren öffnen Plauens Geschäfte zur Feier der Friedlichen Revolution in Plauen immer am 1. Sonntag des Oktober ihre Geschäfte. Ist ja auch völlig logisch – die Plauener forderten ja damals am 7. Oktober 89 vor allem die Freiheit auch sonntags einkaufen zu können, oder?

Spricht man mit Einzelhändlern wünschen sich eigentlich alle einfachere, klare Regeln, die nicht vom Gutdünken einer Stadtratsmehrheit abhängen – hier spielen nämlich zu viele Strategien eine Rolle. Da sind die eher linken Gewerkschafter auf der einen Seite, die den Verkäuferinnen möglichst wenigstens den arbeitsfreien Sonntag gewährleisten wollen. Sie bilden eine beinahe unheimliche Koalition mit streng religiösen Konservativen, denen der siebte Tag der Woche in biblischer Tradition so heilig ist, dass man froh sein kann, dass ihr Drang zum arbeitsfreien Sonntag sich nicht so auswirkt, dass Kneipen sonntags geschlossen bleiben müssen oder Bus und Bahn sonntags stehen bleiben. Wer sich eher liberal äußert, wird da schnell als unsoziales „Kapitalistenschwein“ an den Pranger gestellt. Und dass obwohl der vom 7/24-System des Online-Handels gebeutelte stationäre Handel immer wieder verdeutlicht, dass die verkaufsoffenen Sonntage zwingend für das Überleben sind – zum einen aus Umsatzgründen und zum zweiten aus der Tatsache heraus, dass ein verkaufsoffener Sonntag ein wichtiges Marketinginstrument im Konkurrenzkampf der Regionen ist.

Die Thematik liegt auf der Hand: Während im Internet alle Waren jederzeit vergleichbar und präsent sind und dem Kunden auch noch nach Hause geschickt werden, müssen die Händler irgendwann die Türen ihrer Geschäfte abschließen. Ohne Zweifel ist dies eine Ungerechtigkeit – zumal auch die, die gegen verkaufsoffene Sonntage wettern, akzeptieren, dass die Amazons, Zalandos, Ottos und Co. jeden Sonntag ihre Mitarbeiter zum Dienst rufen – sonst gäbe es montags nämlich keine Auslieferungen. Das interessiert aber niemanden (noch nicht mal die Gewerkschaften haben bisher eine Tarifeinigung mit den Konzernen hinbekommen) – ist ja kein Handel, sagen die Unternehmen und bezahlen ihre Mitarbeiter lausig nach Logistik-Preisen.

Bedenkt man, dass einige der Online-Handelsriesen in Deutschland noch nicht mal einen müden Euro Steuern zahlen, muss man sich schon fragen, warum man sich eigentlich alljährlich um vier, fünf verkaufsoffene Sonntage in gemeindlichen Scheingefechten üben muss.

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