Sprache als Waffe im Kampf um Deutungshoheit

Die Jury hat gesprochen: Der Begriff Klimahysterie ist also das „Unwort des Jahres“ – gekürt von einer fünfköpfigen Jury. Diese besteht aus vier Liguistik-Professor(inn)en und einem Journalisten der „Frankfurter Rundschau“ – das ist allen möglichen Medien (TV, Radio, Zeitungen) eine eigene Nachrichten-Meldung wert. Man könnte meinen, man lebe in einer informationsarmen Zeit.

Seit 2011 sind es die gleichen Menschen, die uns erklären, welche verschiedentlich genutzten Worte am meisten gegen Prinzipien der Menschenwürde und der Demokratie verstoßen, die diskriminierend gegenüber gesellschaftlichen Gruppen oder euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind. So zumindest heißt es in den Grundsätzen der Aktion „Unwort des Jahres“, die es schon seit 1991 gibt. Prof. Dr. Nina Janich (TU Darmstadt), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. i. R. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie der Autor und freie Journalist Stephan Hebel bestimmen seit nun schon zehn Jahren, welche Worte verpönt werden.
Ein Blick in die Geschichte lohnt sich, um beispielhaft die Veränderung der Denkstrukturen in der Jury zu dokumentieren.

Das erste Unwort 1991 lautete „ausländerfrei“ und nahm die zweifellos rassistische Bezeichnung der Nazis von Hoyerswerda in den Fokus. Er folgten Begriffe wie „ethnische Säuberung“ (Jugoslawienkrieg), „Peanuts“ (für Verluste der Deutschen Bank im Zuge der Immobilienpleite des Hochstaplers Schneider) , „Überfremdung“ (für die Ablehnung des Zuzugs von Ausländern), „Diätenanpassung“ (beschönigend für eine Erhöhung der Bezüge für hauptberufliche Politiker) oder auch „Kollateralschaden“ (als Sprachregelung der Nato für die Tötung Unschuldiger bei Angriffen). Wie man sieht, ist die Spannbreite anfangs sehr groß gewesen.

Ab 2010 setzte eine gewisse Verengung ein: Bevor man jetzt „Klimahysterie“ in diesen Tagen benannte, standen zuletzt „Anti-Abschiebe-Industrie“, „Alternative Fakten“, „Volksverräter“, „Gutmensch“, „Lügenpresse“ und „Sozialtourismus“ auf der Liste. Kritiker bemängeln eine gewisse „Linkslastigkeit“ oder auch „Mainstreamigkeit“ der Auswahl.

Zudem fehlt irgendwie eine gewisse demokratische Festlegung der Juroren. Wo genau liegt die Legitimierung der Jury? Dem Verein für deutsche Sprache, dem man gern Rückwärtsgewandheit vorwirft, wurde beispielsweise nie involviert. Obwohl dies doch ein Verein ist, der sich mit seinen 36.000 Mitgliedern für die deutsche Sprache und gegen deren missbräuchliche Nutzung stark macht. Seit zehn Jahren wird sehr polarisiert, indem man sehr einseitige Entscheidungen verkündet. Jetzt ist man auf den Klima-Mainstreamzug aufgesprungen, statt den wirklich rassistisch besetzten Begriff „Umvolkung“ aus der Verschwörerszene um den neuen AfD-Vorsitzenden Tino Chrupalla zu geißeln, denn dieser Terminus stammt eindeutig aus der Zeit der Nazidiktatur. Das ist kein gutes Zeichen. Ein wenig mehr kritische Distanz zu gesellschaftlichen Trendthemen wäre wünschenswert.

Warum man ausgerechnet diesen Begriff gewählt hat, liest man in der Begründung der Jury: „Mit dem Wort „Klimahysterie“ werden Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert. Der Ausdruck wurde 2019 von vielen in Politik, Wirtschaft und Medien – von der F.A.Z. über Unternehmer bis hin insbesondere zu AfD-Politikern – verwendet. Er pathologisiert pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektiver Psychose. Vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Klimawandel ist das Wort zudem irreführend und stützt in unverantwortlicher Weise wissenschaftsfeindliche Tendenzen.“

Die Begründung kommt – ganz nüchtern betrachtet – doch inhaltlich ein wenig schmalbrüstig daher. Der Begriff Hysterie ist eine Entlehnung aus dem altgriechischen (für Gebärmutter) und wird deshalb häufig als weiblich kontiniert. Im heutigen Sprachgebrauch gilt Hysterie längst nicht mehr als Erkrankung, wie früher, sondern als Synonym für eine nervöse Erregtheit, die man unserer Gesellschaft durchaus generell nachsagen könnte – man denke nur an die „Empörungsmaschine“ Internet.

Dass viele Menschen im Angesicht von ziemlich hanebüchenen Forderungen der „Fridays for Future“-Kids diese Erregtheit auch verbal deuten, sollte man als Meinungsäußerung akzeptieren, denn diese ist nun einmal nicht von gesellschaftlichem Mainstream abhängig. Klimahysterie (oder auch Klimapanik) ist somit wohl eher kein Unwort, sondern die wortstarke Darstellung einer gesellschaftlichen Tatsache. Oder eben auch ein Kraftausdruck im Kampf um die Deutungshoheit einer sehr hochgekochten Debatte, in der Kritiker ebenfalls gern als Leugner, Wissenschaftsverweigerer oder Verschwörer diffamiert werden.

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